Wertung

Was ist Wirklichkeit und was ist Wertung? Über die Frage stolperte ich, als im Garten liegend in den Himmel schaute und mich fragte, ob ich die Sterne dahinter empfinden würde. Empfinde ich sie nämlich nicht, dann weiß ich zwar, dass sie da sind, doch ich lebe dieses Wissen nicht, da ich es ja nicht empfinden kann, nicht erfahren habe.

Etwas zu empfinden ist die Voraussetzung, um etwas tatsächlich implizit zu wissen, also so zu wissen, dass ich sicher sein kann, es auch nichtbewusst anzuwenden. Nur das ist Wirklichkeit für mich – und eben nicht explizites Wissen, Wissen, das ich zwar weiß, mit dem ich aber im NichtDenken nicht denken kann, von dem ich in meinem Tun (und Sein) also nicht nichtbewusst ausgehen kann. Von explizitem Wissen hingegen kann ich immer nur bewusst und willentlich ausgehen.

Halte ich diese Dinge nicht sauber auseinander, habe ich ein ernstes Problem. Denn dann denke ich wie auch mein Vater dachte, von dem ich heute weiß, dass er in dem System des Nationalsozialismus einen aktiven Part eingenommen hatte. Die Annahme, dass die wirtschaftlichen Probleme der Deutschen schuld der Juden seien ist ein ungültige Aussage über die Wirklichkeit und eben keine Wertaussage.

Das ist einfach nicht wahr, auch weil viele das glaubten. Ich kann etwas als ‚schön‘ empfinden, aber nicht unmittelbar erfahren, nicht spüren. Und umgekehrt ist das, was ist, weder gut noch schlecht. Es ist einfach. Beachte ich das nicht, habe ich dem naturalistischen Fehlschluss Tür und Tor weit geöffnet. Mit diesem Begriff wird der Versuch bezeichnet, die Eigenschaft ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ als eine bestimmte deskriptive, natürliche oder metaphysische Eigenschaft oder Relation zu definieren.

Der naturalistische Fehlschluss wurde von George Edward Moore in Principia ethica beschrieben. Danach ist dieser gedankliche Fehlschluss sowohl ein Fehlschluss der naturalistischen Ethik als auch der meisten nicht-naturalistischen Ethiken, insbesondere auch aller metaphysischen Ethiken und stellt einen Fall von Reduktionismus dar, was sich wunderbar durch dieses Bild darstellen lässt:

So sieht keine Ente aus. Und ich nicht, Sie nicht und der Kosmos auch nicht. Also hüte ich mich von naturalistischen Fehlschlüssen, denn durch sie werde ich verführbar. Bedeutet das jetzt aber, dass die Wirklichkeit wertungsfrei ist? Das ist sie nicht, doch das ist nichts, was ich bewerten und in Worten ausdrücken könnte! Nur dann, wenn ich einem anderen ohne jegliche Bewertung und ohne die Spur eines Urteils begegne, kann ich ihn wirklich erleben, denn nur dann bin ich vor einem naturalistischen Fehlschluss sicher.

Dann, und nur dann, tauche ich ein in die Wirklichkeit. Solange ich aber an dem Blau des Himmels hängen bleibe, so lange ist die Erde auch weiterhin eine Scheibe für mich und keine Kugel und erst recht auch kein Aspekt des Kosmos.

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein