Wie bin ich?

Die Frage darüber hinaus ist, weshalb ich bin, wie ich bin. Leider ist das eine nicht sonderlich zielführende Frage. Zu viel subjektive Meinung. Meinungen kann man glauben oder auch nicht. Eine Meinung, die mir nicht in den Kram passt abzulehnen , ist also ein Leichtes.

Die richtige Frage wäre daher mich zu fragen, was uns Menschen – und nicht nur mich – sein lässt, wie wir sind. Also ganz grundsätzlich, nicht individuell gefragt. Diese Frage lässt sich nämlich ganz sachlich und ohne Interpretationsmöglichkeit beantworten. Jedenfalls finde ich das.

So verschieden wir auch sein mögen, die Antwort darauf ist tatsächlich immer die selbe. Ich habe schon seit einiger Zeit begriffen, dass ich dieses ‚Ich‘ loswerden muss, will ich in meinem Leben weiterkommen. Doch irgendwie scheint das nicht zu genügen, denn da ist ganz offensichtlich noch etwas, was mich regelrecht festhält. Oder sollte ich besser sagen ‚fixiert‘? Das trifft es nämlich sehr gut.

Manchmal kommt man ja durch die komischsten Dinge drauf. Also Folgendes war passiert: Kürzlich hatte ich mich mit meinem Bruder getroffen. Es war ausgesprochen interessant, denn obwohl wir grundverschieden sind, viel mir auf, dass wir teilweise doch sehr ähnliche Denk-Frames haben. Ich denke mittlerweile, dass uns das vielleicht mehr verbindet als die Tatsache, dass wir die selben Eltern haben.

Wobei das letztlich auf das Gleiche hinausläuft, denn so unterschiedlich wir gelebt haben, ich bin immerhin 8 Jahre jünger, haben wir von unseren Eltern eine Menge identischer Denk-Frames gelernt. Und die sollte man wirklich nicht unterschätzen, will man sich selbst nicht gewaltig in die Irre laufen lassen.

Obwohl ich wahrlich ein sehr angespanntes Verhältnis zu meinen Eltern hatte, habe ich den Basis-Satz an Frames, also die Grundausstattung meines Denkens, von ihnen erhalten – genauso wie mein Bruder. Dass wir daraus etwas sehr Unterschiedliches gemacht haben, ändert daran absolut nichts.

Das hat mir zu der Einsicht verholfen, dass nicht das, was meine Eltern taten, das für mich bedeutsame Problem darstellt. Das sind tatsächlich die Frames, die ich von ihnen – natürlich unreflektiert – übernommen habe. Diese Frames sind wie eine unbewusste Maske, hinter der ich mich nicht etwa versteckte, sondern die ich für mich gehalten habe! Einfach deshalb, weil ich mithilfe dieser Frames ‚meine‘ Inhalte gedacht habe.

Es wird ja oft von dem ‚wahren Ich‘ eines Menschen gesprochen. Was ich für Quatsch halte, denn wir sind immer, wozu wir uns entschieden haben zu sein. Nur habe ich lange nicht gemerkt, weshalb ich etwas für richtig gehalten habe. Nicht, weil es objektiv richtig gewesen wäre, sondern weil ich – aber ohne es zu merken – mit dem Hintergrund des entsprechenden Frames gedacht habe.

Es fühlte sich also nur richtig an, auch wenn es das nicht war. Kunst arbeitet damit, uns solche Hintergründe deutlich zu machen, indem es entweder die gewohnten Hintergründe oder die Inhalte austauscht. Witze funktionieren mit solchen Verschiebungen. Beispiel: Zwei Kinder streiten. Das eine sagt: „Du wurdest ja adoptiert!“ Antwortet das andere: „Na und? Mich wollten sie wenigstens.“

Erkenne ich meine Frames, dann kann ich erkennen, wie ich wirklich bin – und nicht wie ich meine, dass ich wäre. Ohne das kann ich nicht erkennen, wie ich denke. Vielleicht ist das der Grund für diesen Gedanken von Lao Tse:

Der Lebensgeist der Menschen ist so schwer zu läutern und so leicht zu verschmutzen wie eine Schale Wasser.