Selbstbetrachtung

Gedanken über Zwischenmenschliches

Ich schreibe wenig über Objektives, sondern vor allem über meine eigene Subjektivität, was mich sehr an die Japandiskurse (Nihonjinron) erinnert, Beiträge einer kollektiven Selbstbetrachtung. Nur ich schreibe eben aus einer individuellen, persönlichen Perspektive.

Meine Suche nach Antworten orientierte sich nach der Phase des ‚etwas darstellen, etwas sein wollen‘ vermehrt an der Frage, wer oder was ich überhaupt bin. Nachdem ich zu begreifen begann, dass ich letztlich ein Prozess bin, der wiederum Teil eines größeren Prozesses ist, habe ich mich mehr und mehr dem zugewandt, was zwischen uns Menschen passiert und weshalb es sich so und nicht anders ereignet. Daher steht die Frage nach dem Kontext immer im Vordergrund.

Es galt für mich wieder aus meinem selbstgebauten Gedankengefängnis herauszufinden, die Determiniertheit im Denken zu lassen und meine Isoliertheit zu überwinden. Wie ist mein Verhältnis zu den Menschen um mich herum und zur Welt überhaupt? Was bestimmt das Leben, mein Leben? Das sind die Fragen die mich beschäftigen.

Diese Selbstvergewisserungen dienen keiner Ego-Schau oder gar einer Stärkung der Selbstbezogenheit, sondern der Überwindung der Ich-Haftigkeit. So bestimme ich meine eigene Position wie meine Aufgabe im Leben jenseits von „höher, schneller, weiter“. Es geht ganz einfach um ein angemessenes Verhalten.

Da diese Selbstdiskurse kein alleiniger Ausdruck individueller Erfahrungen sein sollen, orientiere ich mich an dem, was wir über die Welt und uns selbst wissen, ohne selbst einen wissenschaftlichen Anspruch zu erheben; vor allem ohne in rein philosophische Überlegungen ohne konkreten Bezug abzudriften.

Darin liegt der hermeneutische Kern der Texte, die einem phänomenologischen Verständnis folgen, ein Verständnis, das mir die Frage nach der Unterscheidung von pathologisch und normal erspart. Mittlerweile erachte ich menschliches Verhalten immer als einen Aspekt der Lebensbewältigung. Vieles, was wir pathologisch definieren, ist es nicht für mich. Nur maße ich mir nicht an, damit alles erklären zu wollen.

Dies erlaubt es mir, jedes Verhalten als eine Existenzweise zu verstehen. Das was die einen für normal halten, ist es eben für die anderen nicht. Die einzige Lösung dafür: Miteinander reden, nicht streiten, auch nicht diskutieren, um Recht zu behalten.

Ich kann nie sagen, ob ich etwas für absolut richtig oder falsch halte, das kann ich nur subjektiv beantworten. Es geht also um eine Subjektivität die das Subjekt nicht in ihrer Identität festlegt, sondern die Bedingungen benennt, unter denen sie sich jeweils formieren – was selbstredend auch für andere gilt.

Das hat mich auch dazu gebracht, Konvention sehr, sehr kritisch zu sehen. Was ist in meinem Verhalten Ausdruck meiner Eigenständigkeit und was ist Anpassung an Ereignisse um mich herum? Oder ist es beides gleichermaßen? Unter dieser oberflächlich erscheinenden Selbstbetrachtung zeigt sich das Zentrum meiner Person und letztlich meiner Existenz.

Was ich bin und was ich weiß ergibt sich wesentlich aus dem Bezug zur Welt, vor allem zu anderen Menschen. Das gilt aber nicht nur für mich, sondern auch für den anderen. Jeder ist ein ,Symptom‘ der jeweilig Beziehungen, in und mit denen er lebt.

Der Raum meiner Identität liegt eben nicht allein bei mir selbst, sondern gestaltet sich aus dem, was um mich herum ist und wie ich mich dazu in Beziehung setze. Darin zeigt sich meine ganz spezifische Art, wie ich der Welt, der Natur und den Menschen nicht nur begegne, sondern wie ich mich dazu in Beziehung setze.

Es ist die Frage, wie man sich und woran man sich orientiert – vertikal oder horizontal, an einem Gott oder an dem, was ist. Entweder abstrakt vertikal oder horizontal. Daraus ergibt sich für mich ganz konkret, was ich für ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ erachte. Eben prozesshaft situationsbedingt.

Dieser Selbstdiskurs und die Selbsteinschätzung ist meines Erachtens eine unabdingbare Voraussetzung für eine gelebte Gemeinschaft, eine, die den Namen verdient.